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Interview mit Bob Bell: „Die Entwicklungsarbeit in der laufenden Saison wird extrem wichtig.“
Bob Bell, Technischer Direktor, MERCEDES GP PETRONAS
Herr Bell, was sind die wichtigsten Schritte beim Design eines neuen Formel-1-Fahrzeugs?
Der entscheidende Ausgangspunkt ist das neue Reglement, bei dem es normalerweise jedes Jahr Änderungen gibt, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Wir achten auf Änderungen in wichtigen Bereichen wie Reifen oder Aerodynamik, und wir berücksichtigen auch, ob es Fahrerwechsel im Team gab, denn dadurch können sich ebenfalls neue Anforderungen an das Design ergeben. Dann prüfen wir den Rennwagen der aktuellen Saison auf Herz und Nieren. Wir versuchen, eine Lösung für jeden Fehler, zum Beispiel Leistungsdefizite oder besondere Schwachpunkte, und weitere Möglichkeiten zur Leistungsoptimierung zu finden. Alle diese Überlegungen fließen in die erste Konzeptphase des Rennwagens ein. Davon ausgehend beginnen wir mit der Planung und der Organisation der Logistik. Im Anschluss starten wir das Design- und Entwicklungsprogramm mit den Aerodynamikexperten. Als nächster Prozessschritt folgen das eigentliche Design und die Produktionsplanung, die in unser Fertigungssystem einfließen. Am Ende stehen die Fertigung und Montage des neuen Fahrzeugs.
Es heißt oft, dass die Formel 1 über die Aerodynamik entschieden wird. Warum ist die Aerodynamik so wichtig, und wie arbeiten Sie im Windkanal, um das Maximum aus dem Fahrzeug herauszuholen?
Es ist tatsächlich so, dass nichts die Leistungsfähigkeit des Formel-1-Fahrzeugs so sehr beeinflusst wie die Aerodynamik. Im Zusammenspiel mit homologierten Reifen und Motoren ist die Verbesserung der aerodynamischen Effizienz von entscheidender Bedeutung und hat mit Abstand die größten Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Fahrwerks. Wir lassen nichts unversucht, um die aerodynamische Effizienz und die Leistungsfähigkeit des Fahrzeugs zu verbessern. Dabei respektieren wir selbstverständlich die FOTA-Regeln für die Tests im Windkanal und die Nutzung der CFD-Technik. Es ist wichtig, die richtige Balance zwischen aerodynamischer Entwicklung und Antriebsverbesserung zu finden, um eine maximale Leistungssteigerung des Fahrzeugs zu erzielen.
Wie planen Sie ein Entwicklungsprogramm während der laufenden Saison und wo setzen Sie die Prioritäten? Wie finden Sie einen Mittelweg zwischen Problemlösung und Verbesserung der Leistungsfähigkeit des Fahrzeugs?
Die Entwicklungsarbeit während der laufenden Saison wird extrem wichtig. Dabei müssen wir schneller sein als die Konkurrenten und die Leistungsfähigkeit zwischen dem ersten und dem letzten Rennen so stark wie möglich steigern. Die Entwicklung in der laufenden Saison ist genauso schnell wie die Fahrzeugentwicklung vor Saisonstart. Wir müssen ständig am Ball bleiben, um die Leistungsfähigkeit von Jahr zu Jahr zu verbessern. Man muss eine kritische Auswahl treffen und die richtigen Prioritäten setzen. Das bedeutet, den Entwicklungen den Vorzug zu geben, die sich effizient umsetzen lassen und das Auto schneller machen als andere Lösungen – und dabei immer die Kosten im Blick behalten. Es ist unsere tägliche Herausforderung, das Gleichgewicht zwischen Problemlösung und Leistungssteigerung zu halten. Wir müssen ja gleichzeitig die Performance maximieren und Probleme beheben.
Wann und wie fangen Sie mit der Designarbeit für die nächste Saison an? Nutzen Sie das Auto der letzten Saison als Basis oder fangen Sie bei Null an? Und wie finden Sie die richtige Balance zwischen dem neuen und dem alten Auto?
Wir fangen meistens an, wenn das Saisonfahrzeug sein erstes Rennen hinter sich hat, also etwa acht Monate, bevor das neue Auto die ersten Runden auf der Rennstrecke fährt. Die Arbeit beginnt im Windkanal mit einem Programm auf einem niedrigeren Niveau. Die Feinabstimmung erfolgt dann über einen schrittweisen Ressourcentransfer aus dem aktuellen Programm. Das Saisonfahrzeug dient immer als Entwicklungsgrundlage, aber es wird von Jahr zu Jahr sehr stark weiterentwickelt, besonders, wenn sich das Reglement kaum geändert hat. Man muss sich entscheiden, ob man sich schwerpunktmäßig auf das neue Auto oder das Saisonfahrzeug konzentrieren möchte. Dabei spielen Faktoren wie die zur Verfügung stehenden Ressourcen oder die Position in der Gesamtwertung eine Rolle. Das ist eine Entscheidung, die von Saison zu Saison neu getroffen wird.
CURRICULUM VITAE
+++ geboren 1958 in County Down, England +++ PhD in Luftfahrttechnik, Queen’s University, Belfast +++ ab 1982 Aerodynamiker, McLaren +++ ab 1988 Entwicklungsleiter, McLaren +++ ab 1990 Projekt Technischer Direktor, MAVerick Land Speed Record Vehicle, McLaren +++ ab 1995 Projekt- und Entwicklungsmanager, McLaren +++ ab 1997 Leitender Aerodynamiker, Benetton F1 +++ ab 1999 Leiter Fahrzeugentwicklung, Jordan Grand Prix +++ ab 2001 Stellvertretender Technischer Direktor, Renault F1 Team +++ ab 2003 Technischer Direktor, Renault F1 Team +++ 2009 Teamchef & Chief Technical Officer, Renault F1 Team +++ 2010 Geschäftsführer, Renault F1 Team +++ seit 2011 Technischer Direktor, MERCEDES GP PETRONAS Formel 1 Team +++