Pit Stop – Mit Highspeed nach Brackley und zurück

Vor ihrem nächsten Rennen werden die Mercedes-Benz Rennboliden von Nico Rosberg und Michael Schumacher minutiös vorbereitet – zuhause in Brackley, im Herzen Großbritanniens.

Sie gilt als Königsklasse des Motorsports: Seit über 60 Jahren begeistert die FIA-Formel-1-Weltmeisterschaft mit ihren Rennboliden Millionen Fans. Mercedes-Benz hat die reiche Geschichte dieses Sports von den 1950er-Jahren bis heute mitgeschrieben. Die Wiege jedes Grand-Prix-Fahrzeugs von Mercedes-Benz steht in Brackley. Die Kleinstadt in Northamptonshire liegt in der Nähe der Rennstrecke von Silverstone, mitten in Großbritanniens „Tal des Motorsports“. Am dortigen Standort von MERCEDES GP PETRONAS steht nach jedem Rennen ein Full Service für die Racing Cars auf dem Programm, mit dem Ziel, die Komponenten zu kontrollieren, Verschleißteile zu ersetzen und Neuentwicklungen einzubauen.

Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung von neuen Regulationen durch die FIA (Fédération Internationale de l’Automobile) beginnt der wichtigste Schritt zur Entwicklung eines Formel-1-Wagens von Mercedes-Benz. Mit CFD (Computational Fluid Dynamics) und Windkanal wird die Leistungsfähigkeit des Formel-1-Fahrzeugs optimiert. Die CFD-Technik unterstützt den Designprozess und errechnet nach gewünschten aerodynamischen Kriterien für Einzelteile die passende Geometrie. Die Ergebnisse von CFD werden im Windkanal bestätigt. Fast die gesamte Windkanal-Entwicklungsarbeit erfolgt an Modellen, die halb so groß sind wie die Fahrzeuge.

„Die aerodynamische Leistungssteigerung ist absolut entscheidend. Im Bezug auf Fahrzeugentwicklung und Regulationen ist damit das Design des Fahrzeugs den größten Fluktuationen unterworfen“, erklärt Ross Brawn, Teamchef von MERCEDES GP PETRONAS. Das Design der Einzelteile entsteht in Korrespondenz mit dem Team des Windkanals. „Es ist wichtig, die Balance zwischen aerodynamischer und mechanischer Entwicklung zu finden, um eine maximale Leistungssteigerung des Fahrzeugs zu erzielen“, meint Bob Bell, Technischer Direktor des Teams von MERCEDES GP PETRONAS.

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Im Composite Cutting Room werden einzelne Schichten (Formen aus Carbonfasern) aus Materialrollen geschnitten; für ein einziges Carbonteil werden zahlreiche Schichten benötigt. Zur Montage der Carbonteile dient der sterile Clean Room. Die Schichten werden in einer genau berechneten, vorher festgelegten Reihenfolge in den Gießformen zusammengefügt, um die für das Teil gewünschte charakteristische Struktur zu erhalten. Anschließend werden sie im Autoklav unter Vakuumbedingungen gebrannt. Beim Abkühlen des Teils härtet das Harz in der Carbonfaser und damit das fertige Teil aus.

Etwa 80 Prozent eines Formel-1-Wagens bestehen aus Carbonfaser und bieten bei einem sehr niedrigen Gewicht ausgezeichnete Stärke und Steifigkeit für Sicherheit und Leistung. Die Crashstrukturen können die Aufprallenergie bei einem Unfall optimal absorbieren und verteilen. Der Fahrer sitzt in der Monocoque-Sicherheitszelle aus Carbonfaser, die einen viel größeren Schutz bietet als die bis in die 1980er-Jahre verwendete Aluminiumkonstruktion.

Video nur auf Englisch verfügbar

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Das Thema Sicherheit spielt bei jedem Arbeitsschritt im Operations Center eine entscheidende Rolle. Deshalb sind Genauigkeit und Sorgfalt Vorbedingungen für Leistung und optimale Sicherheitsstandards. Fast jedes Teil wird während der Inspektion einzeln geprüft, bevor es in das Fahrzeug eingesetzt wird. Für jedes Teil gilt eine spezielle Kilometerlaufleistung, die ständig geprüft wird. Aber auch die FIA-Regulationen erfordern die Einhaltung dieser Standards für die Entwicklung und Herstellung von Formel-1-Fahrzeugen. Für 2011 durften die Fahrzeuge vor dem ersten Großen-Preis-Rennen nur maximal 15.000 Kilometer getestet werden und mussten vor der Homologation für das Rennen mehr als ein Dutzend Stabilitäts- und Crashtests bestehen. Da Tests auf der Strecke nur eingeschränkt möglich sind, erfolgt viel Entwicklungsarbeit in der Simulatorenkabine.

 

Das ermöglicht den Ingenieuren, Entwicklungen am Fahrzeug zu testen, während die Fahrer sich mit neuen Rennstrecken oder Feineinstellungen auf der Strecke vertraut machen können. „Einer unserer wichtigsten Grundsätze ist, dass wir in der Entwicklung nicht stehen bleiben dürfen, denn sonst fahren uns die anderen schnell davon“, so Brawn. Ein gutes Beispiel dafür ist das KERS-Hybrid-System, das nach einem Jahr Auszeit nun wieder zugelassen ist. MERCEDES GP Petronas hat die KERS-Technologie (kinetisches Energierückgewinnungssystem) von Mercedes-Benz zusammen mit Mercedes-Benz HighPerformanceEngines entwickelt. Das System sorgt für noch bessere Überholchancen durch Rückgewinnung kinetischer Energie beim Bremsen und erzeugt auf Knopfdruck für 6,7 Sekunden eine zusätzliche Leistung von rund 80 PS.

Bis zum fertigen Saisonwagen vergehen im Operations Center rund 10 Monate intensiver Design- und Entwicklungsarbeit. Aber auch zwischen jedem Rennen wird die Leistungsfähigkeit des Fahrzeugs noch gesteigert. „Es ist unsere tägliche Herausforderung, das Gleichgewicht zwischen Problemlösung und Leistungssteigerung zu halten“, erklärt Bob Bell. Im sogenannten Race-Bay nehmen die Mechaniker den Wagen zur Überprüfung auseinander, setzen Neuentwicklungen und Ersatzteile ein und bauen ihn dann wieder zusammen. Erst dann darf er Brackley verlassen und wird in einem speziell für den Transport dieser wertvollen Fracht ausgelegten Lkw zur nächsten Grand-Prix-Rennstrecke gebracht.

Text: Annika Zuske

Fotografie: Stefan Hohloch

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