Im Bruchteil einer Sekunde

Damit die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer nicht allein von Computersimulationen abhängig ist, werden im süddeutschen Sindelfingen täglich Crashs durchgeführt.

Mit dem ersten Crashtest gilt der 10. September 1959 als Geburtsstunde moderner und richtungweisender Sicherheitstests bei Daimler. Denn seit diesem Tag führen immer ausgefeiltere Crashversuche zu immer aussagekräftigeren Ergebnissen, um den Schutz der Verkehrsteilnehmer zu verbessern. Heute gehören akribisch vorbereitete Crashtests und hochentwickelte Crashtestdummys zu den Selbstverständlichkeiten der Entwicklung passiver Sicherheit. Immerhin sind in jeder Minute weltweit knapp vier Millionen Menschen am Verkehrsgeschehen beteiligt. In 20 Jahren wird sich der heutige Pkw-Bestand weltweit verdoppelt haben und in 40 Jahren werden rund zwei Milliarden Personenwagen zugelassen sein. In der Crashhalle in Sindelfingen wurden deshalb seit ihrer Inbetriebnahme im Jahr 1975 und einer grundlegenden Modernisierung im Jahr 1998 weit über 10.000 Crashversuche durchgeführt.

Getestet werden die einzelnen Konfigurationen dabei in verschiedenen Entwicklungsphasen und mit unterschiedlichen Motoren- und Getriebevarianten. Dabei untersuchen die Ingenieure unterschiedlichste Unfallsituationen: darunter auch der Frontalaufprall mit 56 km/h gegen die starre Wand und der Offsetcrash mit 64 km/h, also der Kollision nur eines Teils der Fahrzeugfrontseite gegen ein Hindernis. Getestet wird auch das Verhalten des Fahrzeugs bei beispielsweise einem Seitencrash, dem Aufprall auf einen Pfahl, einem Heckcrash, in Bezug auf die Kindersicherheit oder auf den Fußgängerschutz. Zum Versuchsprogramm gehören 30 Aufprallkonfigurationen, die für die weltweite Zulassung neuer Automobile vorgeschrieben sind. Zusätzlich testet Mercedes-Benz die Sicherheit seiner Personenwagen noch bei vielen weiteren und besonders anspruchsvollen Crashversuchen. Dazu gehören beispielsweise Überschlag- und Dachfallversuche sowie spezielle Frontal-, Seiten- und Heckcrashtests. Ziel all dieser Tests ist es, das Sicherheitskonzept eines Fahrzeugs auf das reale Verkehrs- und Unfallgeschehen auszurichten, alle Elemente des Sicherheitsschutzes aufeinander abzustimmen und Verkehrsteilnehmer optimal zu schützen.

Dafür verfügt die Crashhalle über eine bis zu 92 Meter lange Beschleunigungsstrecke. Auf der ersten Hälfte der Anlaufstrecke werden die Fahrzeuge mithilfe einer Seilzuganlage beschleunigt und in der zweiten Hälfte exakt auf den gewünschten Geschwindigkeitswert geregelt. Danach koppelt sich das Aggregat aus und das Fahrzeug trifft samt seiner künstlichen Insassen beispielsweise auf eine deformierbare Barriere oder überschlägt sich mithilfe einer Rampe. Der eigentliche Crash „dauert“ dann nur rund 100 bis 150 Millisekunden: Während dieses Sekundenbruchteils registrieren bis zu 200 Sensoren jede Reaktion von dem Fahrzeug und den Dummys. Jeder Sensor ist mit einem eigenen ID-System ausgestattet, sodass sich die gewonnenen Daten später einwandfrei zuordnen lassen. Zusätzlich filmt und speichert modernste Videotechnik den Verlauf mit 1.000 Bildern pro Sekunde, sodass sich der Crashversuch später auch optisch und in Superzeitlupe auswerten lässt. Außerdem wird eingedrungenes Material (sogenannte Intrusionen) und entsprechende Verformungen millimetergenau vermessen. Auch die Kräfte, die für das Öffnen der Türen nötig sind, werden genau bestimmt.

Crashtests sind der augenscheinlich spektakuläre Teil der Daimler-Sicherheitsphilosophie. Sicherheit aber ist eine ganzheitliche Aufgabe, die weit über die Erfüllung von Crashtestnormen hinausgeht. Die Daimler-Ingenieure verwenden deshalb vergleichbares Engagement etwa zur Entwicklung des Experimental-Sicherheits-Fahrzeugs ESF 2009 oder auch für die Unfallforschung: Weil sich das Sicherheitskonzept von Daimler an der „Real Life Safety“-Philosophie und damit am realen Unfallgeschehen orientiert, analysieren Daimler-Experten jährlich rund 130 bis 170 Unfälle, an denen Daimler-Pkw oder -Nutzfahrzeuge beteiligt sind. Sie erforschen das Deformationsbild, untersuchen die Unfallstelle und eventuelle Verletzungen der Insassen. Aus ihren Fotos, Skizzen und dem Unfallbericht lassen sich später auch Computersimulationen erstellen, mit denen Rückschlüsse auf den Hergang gezogen werden können.

Computersimulationen ergänzen die klassischen Tests in der Sindelfinger Crashhalle. Auch wenn sie reale Tests vermutlich nie ersetzen werden: Sie erweitern die Palette der Möglichkeiten, um das Zusammenspiel der diversen Bauteile und Systeme zu verstehen und auf dieser Basis Maßnahmen zu erarbeiten. Dafür führen die Ingenieure in jeder Entwicklungsphase eines Fahrzeugs mehrere Tausend Crashberechnungen durch. Rund 5.000 Mal ist ein Fahrzeug in einen virtuellen Unfall verwickelt, bevor es in der Crashhalle seine letzten (realen) Sicherheitstests bestehen muss, um den allgemeinen gesetzlichen Standards und den deutlich höheren Sicherheitsanforderungen von Daimler zu entsprechen und zugelassen zu werden.

Text: Andreas Kunkel

Fotografie: Stefan Hohloch

Lesen Sie auch das Daimler Web Special zum Thema Sicherheitstechnologien »

Tags , , , ,

Social Networks



Ihr Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*