„Jede Stadt kann ihre Lebensqualität verbessern.“

Im Gespräch an der BRT-Haltestelle am Centro Civico in Curitiba, Brasilien.

Welche Verbesserungen können moderne BRT-Systeme erzielen, was Lärm- oder Abgasbelastung angeht?

Man sollte nicht vergessen, dass Pkw für mehr als 80 Prozent aller Emissionen im Stadtverkehr verantwortlich sind, Busse nur für ungefähr acht Prozent. Selbst mit Dieselbussen fährt man besser als mit Tausenden von Autos. Aber selbst mit einem guten Nahverkehrssystem gibt es Verbesserungsmöglichkeiten beim Antrieb. Viele Städte stellen bereits auf neue Antriebsformen wie Hybride und Biokraftstoffe um. Am wichtigsten ist es jedoch, wie gut das Busnetz in den städtischen Alltag eingebunden ist. Erst muss das ganze System reibungslos funktionieren.

 

Wie können Stadtplaner das Mobilitätsverhalten der Bürger formen?

Jede Stadt kann ihre Lebensqualität verbessern. Ich kann Planern und Politikern nur raten: Denkt darüber nach, was ihr tun wollt, und packt es schnell an. Das soll nicht heißen, dass kein Bedarf für langfristige Planung besteht. Aber es gibt immer Ideen, die sich schnell umsetzen lassen und so der ganzen Stadt einen Impuls geben. Ich nenne das „urbane Akupunktur“. Innovation bedeutet, Dinge in Bewegung zu setzen und den Menschen Raum zu geben, Verbesserungsvorschläge einzubringen.

Welche Rolle spielen Busse, Autos und andere Verkehrsmittel in einem nachhaltigen Mobilitätsmix?

Wir können unsere Mobilität nur verbessern, wenn wir die Qualität des öffentlichen Verkehrs verbessern und nicht indem wir Leute bestrafen, die ihr eigenes Auto nutzen. Sobald die Verlässlichkeit des öffentlichen Nahverkehrs sinkt, nimmt ihn die Bevölkerung nicht mehr als System aus einem Guss wahr und verfällt alten Verhaltensmustern. Ich habe nichts gegen Autos, solange man sie richtig einsetzt. Für alltägliche Strecken sollte es gute öffentliche Angebote geben. Für längere Reisen bietet sich natürlich der eigene Wagen an. Ein Auto ist wie die Schwiegermutter: Man muss zu beiden ein gutes Verhältnis haben, aber man darf sich nicht abhängig machen. Wir dürfen uns nicht nur auf unsere Autos verlassen, sondern benötigen eine intelligente Alternative für den individuellen öffentlichen Nahverkehr: ein Privatfahrzeug, das mir nicht persönlich gehört.

In Jaime Lerners Büro im brasilianischen Curitiba.

Sie denken an Carsharingprogramme wie car2go?

Ich meine etwas vollkommen Neues, das über Car- oder Ridesharing hinausgeht. Ein solches Fahrzeug muss klein sein, einen Elektroantrieb haben, leicht zu recyceln und in ein größeres System eingebettet sein. Da es mit 20 bis 25 Stundenkilometern vergleichsweise langsam ist und eine Reichweite um die 50 Kilometer besitzt, sollte man damit auf Radwegen fahren dürfen. Ich bin dabei, ein solches Fahrzeug zu entwickeln und nenne es Dock Dock. Es ist nur ein Viertel so groß wie ein smart, aber sogar ich passe hinein. Dieser Einsitzer wird unverzichtbarer Bestandteil des Mobilitätsmix. Man fährt mit dem eigenen Wagen zum Busbahnhof, steigt in einen Expressbus und legt die letzte Meile mit einem Dock Dock zurück.

Sie sind nicht der Erste, der die Bedeutung von sauberen Antriebsformen und Elektroautos betont.

Es geht mir hier nicht um den Fortschritt beim Motorenbau, denn die Frage, wie der Strom für eine Batterie erzeugt wird, steht weiterhin im Raum. Wenn ich auf Elektroantrieb umschalte, reduziere ich zwar die Luftbelastung, aber löse nicht das Problem des hohen Verkehrsaufkommens. Deswegen sind E-Fahrzeuge allein noch nicht die Antwort. Aber wenn ein Elektroauto im Laufe eines Tages nicht nur seinen Eigentümer, sondern 30 oder 40 Bürger befördert, dann stellt sich ein echter Wandel ein. Bislang haben wir fünf Prototypen des Dock Dock gebaut, weitere drei Exemplare werden auf ihre Serienreife getestet. Wir müssen potenziellen Geschäftspartnern eine Vorstellung geben, wie diese Fahrzeuge aussehen. Mit etwas Glück kann Curitiba erneut eine Weltpremiere feiern: die Einführung des ersten privaten Nahverkehrsautos.

Wie viel wird es kosten?

Nichts. Der Bürger zahlt nur für die Nutzung. Ich muss nicht einmal mein eigenes Auto aufgeben und kann mir so die geräumige Option für längere Strecken offenhalten. Die Nutzung wäre im Kaufpreis eines normalen Autos inbegriffen. Es wird zur Premiumoption im öffentlichen Nahverkehr.

CURRICULUM VITAE

+++ geboren 1937 +++ brasilianischer Architekt und Stadtplaner +++ lebt und arbeitet in Curitiba, Hauptstadt des Bundesstaates Paraná +++ absolvierte drei Amtszeiten als Bürgermeister Curitibas und zwei als Gouverneur von Paraná +++ Vater des ersten BRT-Systems der Welt (Rede Integrada da Transporte/RIT), das 1974 eingeführt wurde +++ mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, zuletzt dem „Leadership in Transport Award“ des International Transport Forum der OECD 2011 und dem „Globe Sustainable City Award“ 2010 +++ Gründer und Direktor des Instituto Jaime Lerner und Lerner Associated Architects, eines Architektur- und Planungsbüros, das Klienten in aller Welt berät +++ Teilnehmer des Symposiums der China-Bus-Rapid-Transit-Initiative in Shanghai 2005 zur Förderung von BRT-Systemen in China +++ Autor diverser Bücher, darunter „Acupuntura Urbana“ (2003) +++

Interview: Steffan Heuer

Fotografie: Rafael Dabul

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